Chemotherapie Erfahrungsbericht

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LANGES Update: Setzt euch hin und haltet euch fest! Wenn ich sprechen könnte hätte ich ein Video gemacht, ehrlich!

Als allerestes wollte ich Danke sagen an die vielen Besucher, die ich die letzten Wochen hatte. Neben meinen Eltern, Geschwistern und Verwandten waren doch auch einige gute Freunde wiklich sehr häufig hier. Meine Schwester meinte schon ich sollte einen Doodle Calender machen um es unter Kontrolle zu bekommen. Ich war auch erstaunt von wie weit einige angereist sind (einfache Fahrt 6-7h) und vor allem auch war ich erstaunt über Besucher, die ich eigentlich nur wenig kannte. Es gab sogar welche die ich zuvor nur ein einziges Mal getroffen hatte. Ich weiß nicht was ich da für einen Eindruck hinterlassen hatte, meistens war es auch in einer Bar wo man sich kennen lernte und da rede ich häufig viel und weiß es am nächsten Tag nicht mehr. Also wie gesagt: einfach unglaublich!

Auch die Anzahl an Tipps per Facebook, Whatsapp und Co. waren einfach enorm. Ich wurde quasi mit Informationen überschütttet. Das hat mich nun dazu verleitet eine neue Webseite zu starten zur Chemo-Begleittherapie. Sie soll anderen helfen die Chemo-Therapie mit so wenig Nebenwirkungen wie möglich zu überstehen. Meine Therapie ist so ziemlich die stärkste die man sich vorstellen kann. Ich hatte über 15 Tage unzählige Chemos intravenös und ins Nervenwasser bekommen. Manche liefen bis zu 24 Stunden nonstop in mein Blut. Ich habe nicht genau mitgewählt aber alleine an den letzten 3 Tagen bekam ich 11 verschiedene Chemo-Präparate. Ich hatte die komplette Zeit weder Schmerzen noch Übelkeit wie sonst üblich. Die Ärzte haben mir auf die Schulter geklopft und gesagt es ist beeindruckend wie ich das wegstecke. Das habe ich jedoch euch zu verdanken. Die Anzahl der Nahrunngsergängungsmittel die ich täglich zu mir nahm war relativ hoch und alle Tipps kamen von euch. Ich hatte bisher wenig Ahnung aber lerne derzeit mehr und mehr über Ernähung. Die mussten mir einen zweiten Schrank ins Zimmer bringen, damit ich alles unter bekam 🙂

Ich hatte wohl auch noch nie so häufig Tränen in den Augen wie in den letzten Wochen, aber nicht wegen meiner Sitution sondern wegen der enormen Hilfsbereitschaft von unzähligen Leuten. Das war wirklich überweältigend. Als beispielsweise das Lymponm beim Ultraschall entdeckt wurde sagte die Ärztin mit großen Augen… “Oh mein Gott ist das groß!”
Ich: “Was denn?”
Ärztin: “Irgendwas was da überhaupt nicht hingehört!”
Sie ruft sofort den Chefarzt an der von der anderen Abteilung gleich zum Ultaschallraum eilt.
Auch er schaut ziemlich erstaunt obwohl die sowas eigentlich jeden Tag sehen.
Ich weiß nicht mehr wie er es mir gesagt hat, dass es höchstwahrscheinlich ein Krebstumor ist aber meine erste Reaktion war “Endlich wurde mal was gefunden”. Ich hatte mir eigentlich keine großen Sorgen gemacht, da ich wusste, dass ich hier gut aufgehoben bin.

Die letzte Woche war bisher die anstrengendste. Als alle Chemos nach 15 Tagen zu Ende waren und quasi angefangen haben auf meinen Körper einzuwirken hatte ich stark mit Mukositis (Entzündungen der Schleimhäute, insbesondere im Mund) zu kämpfen. Bilder erspare ich euch. Nach einigen Tagen konnte ich nur noch Suppe essen. Dann ging nicht mal mehr Suppe. Ganz feiner Sahne-Johgurt ging auch nur noch mit viel Schmerzen. Selbst das Morphin zur Betäubung im Mund hat nichts mehr gebracht. Die letzten Tage bekam ich ausschließlich Flüssignahrung intravenös. Ich hatte mir regelmäßig Schmerzspritzen in den Bauch geben lassen, auch wenn ich sonst kein großer Fan von Spritzen bin, aber ich glaube so langsam werden wir warm. Ich hatte mir erst kürlich die Dragon Diktiersoftware gekauft, da ich mein eines Auge was ich derzeit noch zur Verfügung habe schonen wollte wenn ich am Laptop bin. Durch die Mukositis konnte ich nun aber auch nicht mehr ohne Schmerzen sprechen. Echt unglaublich wie das Leben manchaml spielt 🙂 Meine Leukozyten (weiße Blutkörpechen) waren so niedrig, dass sie nichts gegen die Infektionen im Mund ausrichten konnten. Nachdem ich frische Leukozyten intravenös in meinen Port bekommen habe sind diese innnerhalb von wenigen Tagen von 100 auf 900 auf 6000 angestiegen und seit heute kann ich immerhin schon wieder fast schmerzfrei Suppe essen 🙂 Erst konnte ich keine Suppe mehr sehen. Als ich nur noch Joghurt esssen konnte hatte ich mir Suppe gewünscht und mich dabei erwischt wie ich nachts von Pizza geträumt habe 🙂

Manche fragten mich wie man so ein Lymphom bekommt? Es ist schwer zu sagen. Selbst die Ärzte sagen man kann nur wage Vermutungen anstellen, aber sicher sagen kann man es nie. Mein Lymphom ist sehr häufig bei 60+ Jährigen und kommt am Meisten in Südafrika vor. Da war ich bisher noch nicht. Auch Umweltbelastungen wie Pestizide und Co. können Auswirkungen haben, aber dann müssten das auf Bali noch mehr Leute bekommen. Vielleicht war ich die letzten Jahre auch einfach überbevorteilt. Klar hat man sich das Leben selbst erarbeitet. Aber ich kenne wenige, die sich nie einen Wecker stellen, Arbeiten wann und worauf sie gerade Lust haben und Abends sich keinen Kopf machen müssen wenn das “Abendessen mit Freunden” morgens um 5 irgendwo in einer Villa auf einer Luftmatratze endet. Vielleicht ist es einfach nur ein Weckruf mein Leben mehr wertzuschätzen. Die Therapie wird sicherlich kein Zuckerschlecken aber wenn ich Ende des Jahres wieder der bin, der ich war, dann will ich mich auch überhaupt nicht beschweren. Und wahrscheinlich hat es mich dann auch zum Besseren verändert. Heute gibt es einen Delfin für alle die bis zum Ende gelesen haben 🐬

Update 18. Juni 2017: Ich feier gerade mein erstes schmerzfreies Frühstücks-Croissant seit einer gefühlten Ewigkeit mit lauter Electro-Musik. Ich hoffe es beschwert sich niemand. Zum Glück habe ich ein Einzelzimmer 😀